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Wie alles begann...

Oliver Driver: Im Oktober 2013 sitze ich in meinem Büro und beschäftige mich mit Dragon Dreaming von John Croft, einem neuen Weg, der Menschheit dienende Projekte unglaublich erfolgreich zu machen. Ich hatte die Ausbildung dazu gemacht und als ich so nach nachhaltigen Themen google, stoße ich auf XING auf eine Frau, deren Profil mich interessiert. 

Sie hat ähnliche Interessen wie ich, hat im Umweltschutz gearbeitet usw. Ich schreibe Sie einfach mal an als Kontaktanfrage. Mit Kaffee hatte ich zu dem Zeitpunkt außer der täglichen Tasse Kaffee nie etwas zu tun. Am gleichen Tag abends habe ich mich für ein erstes Treffen einer Kölner Gruppe zum Thema "Art of Hosting", einem Weg, gute Gespräche in Gruppen zu ermöglichen, angemeldet. 

Es kommen acht Personen, einen kenne ich entfernt. Im Laufe der Vorstellungsrunde stellt sich heraus, dass Tina ebenfalls da ist, die Frau, der ich morgens gemailt hatte. Was für ein Zufall! Dieses Gruppentreffen ist dann im Sande verlaufen und fand nur ein paar Mal statt. Vielleicht bestand sein einziger Sinn darin, dass ich mich vorstellte und Tina lernte, wo meine Interessen liegen?

Eine Woche später leitet Tina mir eine Mail weiter, in der Mitarbeiter von Fairtrade in Bonn für den nächsten Tag Freunde und Bekannte einladen zu einem Treffen mit drei Kolumbianern, einer davon ein Kogi. Zu diesem Zeitpunkt waren die Kogi berühmt, weil man sehr wenig über sie wusste und über geheimnisvolle Fähigkeiten verfügen sollen. 

Wer sich mit den Kogi beschäftigt hat, weiß, dass sie eigentlich keinen Kontakt zu uns suchen und dies eine einmalige Gelegenheit ist. Ich hatte bereits zwei Bücher über die Kogi gelesen und wollte schon immer die Schamanen der Kogi treffen. Wenn man 2013 im Internet suchte, stieß man auf Gerüchte über ihre telepathischen Fähigkeiten und vieles mehr. Grund genug für mich nach Bonn zu fahren. Zwei gute Bücher über die Welt der Kogi "Der Weg der neun Welten", gibt es auch hier im Shop.

Am nächsten Abend sitze ich in einem trostlosen Raum bei Fairtrade mit rund 25 Personen und es erscheint Máma José Gabriel mit zwei kolumbianischen Begleitern. Sie zeigen einen (viel zu) langen Marketingfilm über ihr Kaffeeprojekt, erzählen über ihre Welt und erklären uns die Botschaft der Hüter der Erde. Wenn der Kogi mit seiner bunten Zipfelmütze spricht, spricht er minutenlang, so dass jeder Übersetzer überfordert ist. Es ist ein wichtiger Aspekt in der Kommunikation der Kogi sich sehr viel Zeit zur Erklärung oder Klärung von Dingen zu nehmen. 

Sie haben ein wenig Kaffee mitgebracht, den man uns ausschenkt. Er schmeckt gut - aber ich habe damals noch überhaupt kein Wissen über Kaffeeanbau, Qualität und all die Probleme der kleinen Kaffeefarmer. Aber ich mag Kaffee! Als einziger ist zudem mein Spanisch so schlecht, dass exklusiv für mich ein Dolmetscher ran muss. Trotz all meiner Urlaube in Mittelamerika, meiner Auszeit in Mexiko und einer kolumbianischen Ex-Frau sind meine paar Sätze Spanisch verschwunden und die Kolumbianer sprechen einen ziemlichen Küsten-Slang. 

Rechts unten in der Ecke das Blaue, das bin ich... Als alter Schamane will ich natürlich viel mehr wissen und diese Möglichkeit, einen echten Kogi zu sehen, fasziniert mich. Máma José Gabriel war mit Unterstützung von Freunden drei Tage auf der ANUGA, der größten Nahrungsmittelmesse der Welt gewesen. Die drei sind in Kolumbien mit Unterstützung des Franzosen Eric Julien (dem Autor) ohne jeden großen Plan oder Terminkalender losgeflogen, um einen geeigneten Partner für eine Zusammenarbeit in Deutschland zu finden. 

Es ist typisch kolumbianisch, dass ein Kolumbianer alles kann, so funktioniert vieles dort. Klassische Ausbildungswege wie bei uns gibt es nicht, also ergreift man jede Chance Geld zu verdienen. Und so unvorbereitet spazierten sie über die Anuga. Sie sprachen mit Darboven, Tchibo, der Gepa und wie sie alle heißen, so gut es eben ging, denn sie sprechen nur Spanisch. Heute ist ihr letzter Tag, am nächsten Tag ging es zurück nach Kolumbien. Dann berichtet er über das Projekt Café Kogi. 

Sie haben verschiedene Gespräche geführt und dies ist ihr letzter Abend. Die Fachleute von Fairtrade kommen und gehen, sie bekommen zu hören, dass die Kogi nicht vorhaben, Bedingungen für ein Fairtrade- oder Bio-Siegel zu erfüllen. Sie sagen: Wir leben seit Jahrhunderten im Einklang mit der Natur. Wir benutzen keine Pestizide, keinen Dünger. Wir wissen, wie man nachhaltig produziert. Ihr aber ruiniert die Erde. Warum sollten wir uns von Euch zertifizieren lassen? 

Wer je einen Máma erlebt und hat sprechen hören, weiß, welches Charisma von ihnen ausgeht. Ihr Lebenszweck ist es, mit ihrer Weisheit das Gleichgewicht unserer Welt zu erhalten. Ich bin fasziniert von diesem kleinen Mann, der mit zwei Umhängetaschen loszog um seine Kultur zu retten und uns die Leviten zu lesen. Irgendwie fehlt mir offensichtlich auch eine Portion Abenteuer in meinem Leben… 

Und zum Ende des Abends sehe ich mich nach vorne gehen, die Dolmetscherin im Schlepptau, und höre mich sagen, dass ich bei dem Projekt mitmachen will. Die Verständigung ist schleppend und schwierig. Ich habe keine Ahnung vom Kaffeegeschäft - und die Kogi, wie sich später herausstellt, auch nicht. Ich habe zwar keine Ahnung, andererseits ist eine meiner Stärken gerade, Dinge neu aufzubauen und zu strukturieren. 

So richtig begeistert scheinen die drei allerdings nicht, ich kann noch nicht wissen, dass Kogi grundsätzlich eher reserviert sind und insbesondere die Mámus sehr zurückgezogen leben und Freundschaften nur sehr vorsichtig schließen. Sie haben noch einige Pfund Kaffee, die sie an die Teilnehmer verschenken, ich bekomme das letzte Paket mit ungeröstetem Rohkaffee. Und dann sagen sie mit, dass ich herzlich eingeladen wäre, sie in der Sierra Nevada de Santa Marta zu besuchen. Na ja, denke ich, das bekommen wir doch mit den modernen Kommunikationsmitteln auch schneller hin... 

Die Kogi sind zurückgeflogen und ich überlege, was ich tun kann. Am nächsten Tag sitze ich mit meinem Beutel Rohkaffee in einer kleinen Rösterei in der Nachbarschaft. Dort ist gerade eine Delegation von Kaffeebauern aus Honduras zu Besuch, die wohl ebenfalls im Rahmen der Anuga in Köln sind und sich alles erklären lassen. Irgendwann hat der Chef kurz Zeit und ich erzähle ihm von CAFÉ KOGI. Mehr oder weniger uninteressiert hört er sich die Geschichte an. Das wird nichts, merke ich schnell. Er verstand den spirituellen Aspekt des Projektes überhaupt nicht. 

So erging es mir auch bei anderen Röstern. Es gibt viel zu viele Angebote an Rohkaffee, niemand wartet auf mich und mein Muster, lerne ich. Die Story ist ganz toll, aber es gibt auch vielfältige Gründe, warum kein Röster interessiert ist. Ich rechne ein wenig hin und her und stelle schnell fest, dass das Projekt nur ab einer gewissen Größenordnung Sinn macht. Sinnlos  wäre der Import von in Kolumbien geröstetem Kaffee mäßiger Qualität (die Fähigkeiten und technischen Möglichkeiten sind in Kolumbien nicht auf europäischem Stand), der im Lager dann zwischen Ankunft und späterem Verkauf alt wird und seine Aromen verliert. von 

Nach einigem Mailverkehr mit Jorge Mario, dem Verantwortlichen nach außen für das Kaffeeprojekt, und dem (typisch deutschen) Versuch, Dinge auf die Distanz zu klären, sehe ich ein, dass ich nur vor Ort Klarheit erlangen werde. Denn immert wieder hieß es nur "Du musst hier hin kommen und sehen, wie wir in den Bergen leben. Nur dann kannst Du verstehen!" Und so begann meine erste Reise zu den Kogi, die ich im Januar 2014 mache.  

Wenn ich zurück blicke, war es vielleicht schon 17 Jahre vorher kein Zufall, dass ich mit einem Freund 1995 als Backpacker in die Berge der Sierra Nevada de Santa Marta wollte, um die Ciudad Perdida zu besuchen. Die Ciudad Perdida liegt inmitten des Dschungels und ist nur über einen mehrtägigen Fußmarsch zu erreichen. Sie ist etwas kleiner als Macchu Picchu, aus historischer Sicht jedoch genauso wichtig – und mindestens so geheimnisvoll.  Ein damals abenteuerlicher Tripp, der dann auch an der Gefährlichkeit der Gegend zu dieser Zeit scheiterte. 

Damals beherrschten die FARC, die Paramilitärs, die Guerilla, die Drogenbarone und das kolumbianische Militär das Land. Als wir bis nach Santa Marta, der Küstenstadt kurz vor dem Kogi-Land, gereist waren, rieten uns alle Kolumbianer nur bloß nicht weiter zu fahren. Unser Plan, die Ciudad Perdida, die verlorene Stadt, zu besuchen, wurde zu gefährlich. Zu viele Guerillas, Paramilitärs und Drogenbarone nutzten diese abgeschiedenen Täler für ihre Zwecke. Entführungen von Ausländern waren an der Tagesordnung. 

Damals zogen wir dann es vor, auf eine kleine Insel zu fliegen, wo ich meine erste Frau kennen lernte. Irgendwann nach unserer Auswanderung nach Mexiko scheiterte dann 2000 die Ehe und ich ging zurück nach Deutschland. Mit Kolumbien hatte ich danach entsprechend abgeschlossen. Wochen später (2014) finde ich in all meinen Texten und Fragmenten, die irgendwann einmal Bücher werden sollen, zwölf Seiten eines Buchanfangs, an die ich mich überhaupt nicht mehr erinnern kann. Da wandert ein Mann in die Berge der Sierra Nevada auf der Suche nach den Minca, einem dort zurückgezogen lebenden sagenumwobenen Volk... Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Offensichtlich wollte das Schicksal es so. Eine Menge Zufälle, stimmt´s? 

Über Bogota fliege ich weiter nach Santa Marta, wo ich das Hotel Aluna gebucht habe. Aluna ist ein Wort der Kogi-Sprache, wieder ein Zufall. Von dort geht es zusammen mit Mauricio, dem zweiten Kolumbianer, der mit in Deutschland war, sechs Stunden mit dem Auto in die Berge. Irgendwann endete die Schlammpiste und wir mussten zu Fuß weiter gehen. Sechs weitere Stunden später, in denen ich an die Grenzen meiner Belastbarkeit kam angesichts des Tempos der Kogi und der schwülen Luft, erreichten wir im Dunkeln ein Dorf der Kogi. 

Es war recht unheimlich die distanziert schauenden Kogi zu sehen, die dann auch schnell in ihren Hütten verschwanden. Ich hatte Hunger, aber es gab nichts... Mit wurde eine Hütte zugewiesen, wo ich mein Moskitonetz und eine Isomatte platzierte. Zu Beginn der Nacht schlichen dann leise zwei Kogi in unsere Hütte und legten sich auf den nackten Boden. Am nächsten Morgen erwachte ich in einer anderen Welt. In diesen Tagen verstand ich, warum die Kogi darauf bestanden hatten, dass ich komme. Man kann die Kogi nicht verstehen, ohne Teil ihres Lebens gewesen zu sein. Und so kommt es, dass ich mit über einhundert in strahlendweißen Gewändern gekleidete Schamanen und Oberhäupter der Kogi auf einer saftig grünen Wiese um und unter einem uralten großen Baum stehe, der das Zentrum dieser heiligen Stätte ist. Sie verbinden sie sich mit Alúna, dem Ursprung der Schöpfung. Was für ein Erlebnis! Ich habe das Glück dabei sein zu dürfen. 

In der Sierra Nevada de Santa Marta, diesem höchsten Küstengebirge der Erde, wo auf einem Streifen von 50 Kilometer Breite im Nordosten Kolumbiens traumhafte karibische Strände und tropisch-feuchter Dschungel auf trockene Wüsten, Nebelwald und schneebedeckte Berge treffen, leben die Kogi wie vor Hunderten von Jahren. Doch dies ist nur die oberflächliche Beschreibung. 

Auch die Kogi haben sich in den letzten 500 Jahren weiter entwickelt. Sie haben nur andere Prioritäten gesetzt als wir. Ein wenig ähneln sie in ihrer logischen Reduziertheit den Taoisten - wenn ich sie in eine Schublade stecken wollte. Fast alle Männer sind rituell mit ihrem Poporro beschäftigt. Dieser kleine Behälter ihrer heiligen Mischung aus Koka und Kalk ist wesentlicher Bestandteil ihres Weltbildes. Der Poporro ist ein kleiner, ausgehöhlter Kürbis mit langem Hals, der mit aus bestimmten Muscheln gebranntem Kalk gefüllt ist. Durch einen Stab holt der Kogi den Kalk aus dem Poporro heraus und nimmt ihn in den Mund. 

Der Kalk reagiert mit den im Mund befindlichen gerösteten Kokablättern. Hin und wieder kommt eine klebrige Substanz aus Tabak dazu. Die Wirkung ist aufputschend, die Kogi haben eine enorme Ausdauer und benötigen extrem wenig Schlaf. Die gesamte Mythologie der Kogi basiert auf derartigen Analogien auf allen Ebenen des Seins. So hat auch der Poporro viele Bedeutungen auf mehreren Ebenen des Seins. Er ist das Symbol, dass aus dem Jungen ein Mann der Kogi geworden ist. 

Der Kürbis steht für das Weibliche, der Stab für das Männliche. Der Kalk aus den Muscheln des Meeres ist männlich, die Kokablätter, geschenkt von Mutter Erde, wiederum weiblich. Immer wieder reiben sie während des Treffens die gelb gefärbte Spucke am Kürbishals ab, bis sich über Tage und Monate eine harte gelbe Calcitschicht bildet. In der Vorstellung der Kogi ist diese Schicht die Materialisation der während des meditativen Kauens der Kokablätter gedachten Gedanken. 

Manche Kogi kauen ein halbes Pfund Blätter täglich – und spucken unter extremen Geräuschen die ausgekauten Reste auf den Boden. Ich bin hier, weil ich die Kogi dabei unterstützen will, ihren Kaffee und ihre Botschaft in Deutschland zu platzieren. Die Kogi suchen entsprechend nun eine Antwort auf die Frage „Ist dieser Deutsche, der nicht locker gelassen hat, der Richtige, um das Projekt „Café Kogi“ in Deutschland zu starten? Ist er spirituell genug, um unsere Absicht und Botschaft zu verstehen?“ 

Ich komme mir vor wie bei einem Vorstellungsgespräch in einer Welt, deren Regeln ich nicht kenne, in einer mir unbekannten Sprache… Gut daran ist, dass ich mich nicht zu verstellen brauche. Ich habe nicht den Zwang, irgendwelche Erwartungen zu erfüllen. Der Gedanke, mich als deutschen Schamanen vorzustellen, kommt mir angesichts dieser uralten Heilerkultur absurd vor. Was weiß ich schon im Vergleich zu den Mámus (oft auch Mámos genannt), den Schamanen und spirituellen Oberhäuptern der Kogi? 

Man berichtet, dass einige der Mámus, die hoch in den Bergen leben, die ersten 18 Jahre ihres Lebens in Dunkelheit in der Abgeschiedenheit der Berge verbringen. Dort leben mehrere Schüler bei der Familie ihres Lehrers in einem separaten Haus und lernen, sich mit der unsichtbaren Welt der Spirits zu verbinden. Um immer in Verbindung mit Mutter Erde zu stehen, tragen die Mámus möglichst keine Schuhe. Ihre Gebete erhalten die kosmische Ordnung. Während der Ausbildung bekommen sie eine salzarme Diät ohne Gewürze und mit wenig Fleisch. Weiße, helle Lebensmittel wie Mais, Kürbis, Pilze und Süßwassergarnelen werden bevorzugt. 

Betrachtet man die Ausbildungsinhalte, die von Kosmologie und Mythologie über verschiedenste Bereiche der Naturwissenschaften bis hin zu Ritualen und Heilwissen reichen, wird das große Wissen der Mámus deutlich. Die Kogi wissen, dass intellektuelle Tätigkeiten von der sprachlichen Kompetenz abhängen. Sprache ist ein Schwerpunkt der Ausbildung, so lernen sie ein sehr umfangreiches Vokabular. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass die Kogi eine eher intellektuelle Art des Schamanismus haben. Bei vielem, was ich lese und höre, meine ich, Ähnlichkeiten zum Daoismus zu erkennen. Ich bin jedoch kein Fachmann dafür und könnte mich auch irren. 

Am Ende der Initiationsphase werden die Mámus zum Sonnenaufgang zum Tageslicht geführt. Und wenn sie die Augen öffnen, sehen sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Sonnenaufgang. Und sie sehen zum ersten Mal das Land ihrer Väter, sie sehen Mutter Erde, die sie nur aus den Erzählungen kennen. In diesem Moment des ersten Tageslichts, wenn die Sonnenstrahlen langsam über diese fantastische Landschaft gleiten, tritt der Ausbilder zurück und sagt: 

"Siehst Du? Es ist wirklich, wie ich es Dir erzählt habe. Es ist so wundervoll, Du musst es beschützen!". 

Alles, wovon sie zuvor nur abstrakt gehört hatten, wird in diesem Augenblick in dieser großartigen Pracht in ihre Welt geboren. Das Schicksal hat es so gewollt, dass ausgerechnet in der Woche, die ich dort bin, das große Treffen der Mámus und weltlichen Oberhäupter der Kogi in Pueblo Viejo stattfindet. Neun Tage und neun Nächte lang wird alles besprochen, was in der letzten Zeit angefallen ist. Die Kogi nehmen sich viel Zeit zum Reden - und noch mehr zum Zuhören. Oft befragen sie Alúna, den Ursprung alles Seins. 

In ihrer Schöpfungsgeschichte heißt es: 

Zu Beginn war da nur Dunkelheit. Nur das Wasser. Am Anfang gab es keine Sonne, keinen Mond und keine Menschen. Am Anfang gab es keine Tiere und keine Pflanzen. Nur das Wasser. Das Wasser war die Mutter. Die Mutter war kein Mensch, sie war nichts. Überhaupt nichts. Sie war Dunkelheit. Sie war Erinnerung und Potenzial. Sie war „Alúna“. 

Nach den Abendessen folgt täglich die Fortsetzung des Treffens im Nu-hué, dem Weltenhaus, bis in den frühen Morgen. Dort sitze ich im Dunkeln mit den Kogi, die sich auf vier kleine Feuer verteilen. Jedes Feuer steht für eine der vier mythischen Gottheiten, die auch heute noch die Welt auf ihren Schultern tragen. In der Kogi-Analogie stehen sie zudem auch für die vier Himmelsrichtungen, für die vier Stämme der Sierra, männlich und weiblich und vieles mehr. Das Weltenhaus selbst ist ein Symbol des Kosmos. 

Um die Konsequenzen einer Entscheidung auf sich nehmen zu können, müssen die Kogi in dieser Welt, wo alles etwas versinnbildlicht, sichergehen, die richtige Entscheidung zu treffen. Dafür haben sie ein komplexes und ausgesprochen gut ausgearbeitetes System, welches durchaus auch in unserem modernen Unternehmen Sinn machen könnte. Nach einer gewissen Zeit der Einschätzung, während der möglichst viele Informationen in Bezug auf das gegebene Anliegen zusammengetragen wurden, kommen einerseits Männer und andererseits Frauen zusammen, um die möglichen Lösungen und Konsequenzen für die Gemeinschaft abzuwägen. Voraussetzung dafür ist eine gewisse mentale Grundhaltung, eine innere Ausgeglichenheit und die Bereitschaft zum Zuhören. 

Es ist wichtiger, die Meinung der Anderen zu verstehen als seine eigene vehement zu vertreten. Im Schutze der Dunkelheit erhält jeder die Möglichkeit zu sprechen. Es ist Platz für Befürchtungen, Ängste und Hoffnungen. Jedem wird das Wort gegeben, jedem wird zugehört. Sie suchen nicht das Trennende in den verschiedenen Standpunkten, sondern die allen gemeinsame Lösung. Die Atmosphäre ist magisch, die Schatten tanzen an der Wand. Einmal ist es fast dunkel, dann flackert wieder eines der Feuer auf. Ich fühle mich um einige Tausend Jahre zurück versetzt, als unsere Vorfahren noch in Höhlen lebten und nach der Jagd um das Feuer saßen und Geschichten erzählten. 

Die Worte verstehe ich nicht, doch aus ihnen spricht viel Weisheit und Kraft. Während ein Kogi zu einem wichtigen Thema spricht, lauschen die anderen diszipliniert seinen Worten. Irgendwann antwortet ein anderer, bis jeder, der etwas zu sagen hat, gesprochen hat. Je komplizierter die Frage ist, desto länger – durchaus auch mehrere Nächte - dauert die Diskussion. Zum Abschluss fasst einer der Alten, der für seine Weisheit und Erfahrung bekannt ist, das Gespräch zusammen. 

Er entscheidet nicht, er formuliert lediglich die kollektiven Gedanken vor dem Hintergrund ihres Weltbildes in Worte. Alle Entscheidungen sind so kollektiv getroffen. Doch diese kollektive Entscheidung ist noch nicht von Alúna „abgesegnet“. Eine Weissagung ist erforderlich. Ist die Ent¬scheidung, die wir treffen werden, die richtige, ist sie gerecht und stimmt sie mit der Welt überein? Für alle wichtigen Entscheidungen befragen die Kogi Alúna durch Divination. 

Das Ritual der Weissagung findet tagsüber auf heiligen Hügeln und Stätten statt, im Gegensatz zu den Diskussionen, bei denen sich Männer und Frauen nachts getrennt treffen und eine Entscheidung fällen. Wieder sitzen gut einhundert weiß gekleidete Kogi wie für eine Filmkulisse arrangiert, bewegungslos auf der Spitze eines bestimmten Hügels. Es herrscht eine magische Stimmung, die Indianer sind da, aber auch wieder nicht wirklich anwesend, sie wirken wie in einer anderen Welt. Diese Zeremonie kann nicht überall stattfinden, für bestimmte Themen und Fragestellungen gibt es fest zugeordnete, heilige Orte. 

Die Welt der Kogi basiert auf Analogien. Wenn irgendwann ein Mámu eine Eingebung zum Thema Kaffee an einem bestimmten Ort hatte, so werden zukünftig ähnliche Entscheidungen ebenfalls dort getroffen. Genauso gibt es für die Heilung von Krankheiten und zwischenmenschlichen Themen feste Orte. Dazu benutzen sie eine mit klarem Wasser gefüllte Kürbisschale, in die sie einen oder mehrere bestimmte Steine, meist farbige Kristalle, legen. Dies können Beim Betrachten der Blasen und Bewegungen sehen sie die Antwort auf ihre Frage. Jeder Mámu erzählt, was er sieht, und im Konsens wird die Lösung besprochen. 

Die Kogi sind die gewissenhaften Hüter einer Tradition, Philosophie und Art des Denkens, das in nahezu allen anderen Gegenden der Erde ziemlich gründlich durch die Ausbreitung unserer eigenen, westlichen Kultur ausgerottet wurde. Begünstigt durch die politische Situation in Kolumbien, wodurch kaum jemand es bis vor wenigen Jahren wagte, die Sierra zu bereisen, gelang es ihnen zwischen Drogen, Terror und Militär, ihren Lebensraum zu erhalten. Sie selbst bezeichnen sich als die Älteren Brüder. Ich – genauso wie Du, liebe/r Leser/in – bin einer der Kleinen Brüder, die vor langer Zeit das Land der Kogi über das große Wasser verlassen haben. 

Noch heute sehen sich die Kogi als Hüter der Erde. Um diese Aufgabe bewältigen zu können, muss ihre Kultur überleben. Nur dann können sie die Erde retten. Als die Kleinen Brüder in Gestalt der Spanier zurückkamen, brachten sie den Tod durch Gewalt, durch ihren Atem und ihre Körper. Durch unsichtbare Krankheitserreger und Infektionen starben neun von zehn Ureinwohnern. Selbst diejenigen mit guten Absichten und hehren Zielen waren – wenn auch ungewollt – Überbringer der Zerstörung. Je mehr ich mit Ihnen sprach und ihre Art des Denkens verstand, desto mehr wurde ich aber auch selbst zum Teil des Problems. Auch wir sind heute noch Träger von Infektionen. Aber mehr als das sind wir auch Träger unserer Kultur, unserer Art zu Denken, unserer Art, die Welt zu verstehen. 

Mit jedem Kontakt, mit jedem Gespräch und mit jeder Begegnung verändern wir das Bewusstsein anderer Menschen, wie gut auch immer die dahinter stehende Absicht ist. In der Regel lehren wir mehr als dass wir lernen. Und genau deswegen wollen die Kogi keinen Besuch und keine Touristen. Jede Handlung, jeder Satz von mir wurde zu einer Intervention in ihr Leben, ob ich wollte oder nicht. Zeigte ich ihnen Fotos meiner Familie und meines Zuhauses, so wurde dieser zwischenmenschliche Kontakt zum Samen von kaum kontrollierbaren Entwicklungen.  

Die Kogi sind ungemein stark, deswegen habe ich große Hoffnung für sie. Sie denken in Ebenen kultureller Verschmutzung. Je weiter sie in der Sierra hinabsteigen, je näher sie an unsere Zivilisation heran kommen, desto größer ist die Verschmutzung, die sie antreffen. Große Bereiche in den Höhen der Sierra Nevada wurden von ihnen selbst für andere Kogi gesperrt, weil diese Kogi durch den Kontakt zu anderen Kulturen bereits zu infiziert sind. Folgerichtig durfte ich nur in das erste Drittel ihres Gebietes reisen. Sie erzählten mir von der Schöpfung, wie die Große Mutter eine Webspindel in das Gebirge der Sierra Nevada, Nordkolumbien, stieß, und so die Welt erschuf. 

Alles Leben auf der Erde ging von der Sierra Nevada aus. Noch heute sehen sich die Kogi als Hüter der Erde. Die Aufgabe der Mámus, der Priester, Weisen und Schamanen, ist es, für Yulúka, für das Gleichgewicht auf allen geistigen und materiellen Ebenen zu sorgen. Um diese Aufgabe bewältigen zu können, muss ihre Kultur überleben. Nur dann können sie die Erde retten. Ihre Botschaft und Bitte, die ich weitergeben soll, ist: 

„Wir sind da, um dieses Gebirge zu beschützen, denn so beschützen wir die Erde und die Welt. Alle Gebirge liegen im Sterben, denn der Kleine Bruder zerstört sie, indem er Kohle und Öl daraus hervorholt und die Erde überwärmt. Wir sind dafür nicht verantwortlich, aber wir leiden darunter. Wir sind die Großen Brüder, es liegt in unserer Verantwortung, über die Erde und die Welt zu wachen. Wir müssen das Gleichgewicht bewahren, und wir führen dafür die ganze spirituelle und geistige Arbeit aus. Wir sind traurig, zu sehen, dass nicht alle Menschengruppen das tun, was sie tun sollten, um die Erde zu achten. Wir brauchen den Kleinen Bruder, damit er uns hilft. Ihr müsst die Erde und die Welt verstehen lernen. Der Kleine Bruder muss uns helfen, unsere Erde wieder zurückzuerhalten. Helft uns, das Herz der Welt zu schützen!“ 

All ihre Heilkunst basiert auf dem Gedanken, dass alles immer im Gleichgewicht sein muss. Wo das Männliche ist, sollte auch etwas weibliches sein. Wer schlechte Gedanken hat, muss diese wieder durch Gebete und Nachdenken ins Gleichgewicht bringen. Als ihnen jemand eine präkolumbianische Goldfigur, die ihnen vor einigen Hundert Jahren gestohlen worden war, schenkte, konnten sie diese nicht in ihre Berge mitnehmen. Es fehlte bei dieser männlichen Figur das weibliche Pendant. Nur die eine Figur würde ein Ungleichgewicht in ihre Welt bringen. 

Nun werden sie so lange geduldig warten, bis die zweite Figur auftaucht. So erwartet man möglicherweise von mir bei meinem nächsten Besuch, dass ich meine Frau mitbringe, um auch hier ein Gleichgewicht zu haben. Mehr, als ich es von anderen Schamanen kenne, sind die Kogi an den jeweiligen Gedanken und an der mentalen Ursache von Krankheiten interessiert. Als ich Máma Jacinto von meinen Bandscheibenproblemen erzähle, fragt er erst einmal, seit wann ich die habe und was damals passiert ist. „Was war in Deinem Leben, das Dich aus dem Gleichgewicht geworfen hat? Was ist damals geschehen, als Du die Rückenschmerzen bekamst?“ Meine Antwort, dass dies nach der Trennung von meiner ersten Frau begann, schien ihn zu befriedigen. Das Gespräch des Patienten mit dem Mámu hat durchaus psychologischen, teilweise belehrenden Charakter. Der Mámu erklärt den Menschen, die zu ihm kommen, was sie falsch gemacht haben und wie sie richtig zu leben haben. So könnten sie das Gleichgewicht zurück in ihr Leben holen. 

Krankheit ist für die Kogi eine Bestrafung durch die Geisterwelt. Wenn ich ein körperliches oder geistiges Problem habe, habe ich Yulúka, das Gleichgewicht zwischen den Kräften, den sichtbaren wie unsichtbaren, gestört. Es gilt, den Ursachen der Krankheit auf den Grund zu gehen. Den Herren der Krankheit müssen entsprechend Opfergaben, meist aus Perlensteinchen, dargebracht werden. So soll das gestörte Gleichgewicht der Kräfte wieder hergestellt werden. Weil Krankheiten externe Ursachen haben, ist der Gebrauch von medikamentösen Heilmitteln in den Augen der Kogi unnütz; die Kogi verwenden nur selten Heilpflanzen. 

In meiner Behandlung an einem heiligen Platz betet er in unverständlichem Gemurmel etwas und wählt sorgfältig zwei kleinere Steine, aus einem Beutel. Die Steine soll ich in die rechte Hand nehmen und im Uhrzeigersinn einmal um meinen Kopf führen. Mit den Händen macht er Bewegungen, die eine Chakrenreinigung erahnen lassen. Es scheint, dass er feinstoffliche Energien aus meinem Energiekörper entfernt. Vor lauter Respekt wage ich es nicht, genauer nachzufragen. Danach muss ich mich einmal um mich selbst drehen, das war´s. Gut fünf Minuten dauerte das und war alles andere als spektakulär. Na ja, dem Rücken geht es nun wieder ein gutes Stück besser… 

Was die Kogi in meinen Augen auszeichnet, ist nicht etwas Paranormales oder Esoterisches. Alles war magisch, berührend und in unseren „aufgeklärten“ Augen unerklärlich. Wenn ein Kogi davon erzählt, wie sie in Harmonie mit der Natur leben, so ist dies magisch. Dies aber auf eine ganz andere Art und Weise, als wir es uns – und ich ebenfalls - heimlich wünschen. Meine Erfahrung mit Schamanen aus verschiedenen Ländern wurde hier wieder bestätigt. Diese Schamanen sind sehr normale Menschen, die eher unspektakulär arbeiten. In ihrem Bewusstsein, dass sie (mit) verantwortlich dafür sind, dass unsere Erde lebenswert bleibt, haben sich die Kogi entschieden, zu reisen. 

Im Herbst 2014 kommt Máma José Gabriel zu mir nach Deutschland, um uns ihre Botschaft zu überbringen. Wir nehmen am Weltkongress für Ganzheitsmedizin in München teil, halten Vorträge in Frankfurt, Köln und Berlin und geben auch einen Workshop. Durch ihre Integrität haben sie hohes Ansehen bei Regierungen und NGOs erworben. Einer hat den Dalai Lama getroffen, sie sprechen bei der UNESCO und der EU. All diese anstrengenden Reisen und die Merkwürdigkeiten unserer Gesellschaft nehmen diese alten Weisen in Kauf, weil sie sich ihrer Aufgabe voll und ganz verschrieben haben. 

Wir beschließen, die Organisation “kalashe“ zu gründen (kalashe bedeutet in der Sprache der Kogi „Vater/Ahne des Waldes“). Sie wird die Interessen der Kogi bei uns vertreten und die Botschaft der Kogi auch im deutschsprachigen Raum verbreiten. Der Café Kogi“ ist ein Symbol für die Zusammenarbeit der älteren Brüder mit uns, er soll ein Bindeglied zwischen den Völkern werden. Er steht für Gemeinschaft und Balance, er erinnert uns daran, dass wir alle für das Gleichgewicht der Erde verantwortlich sind, ein Kaffee, der verbindet. Er ist zudem untrennbar mit der spirituellen Botschaft der Kogi verbunden. Fortsetzung folgt...